Zweimal im Jahr macht die Sonne kehrt. Im Juni steht sie mittags so hoch wie nie, der Tag ist am längsten, danach werden die Abende wieder kürzer. Im Dezember ist es umgekehrt: tiefster Sonnenstand, kürzester Tag, und ab dann geht es wieder aufwärts. Genau diese Umkehr steckt im Wort. Die Sonne wendet.
Was dabei kaum jemand auf dem Schirm hat: Eine Sonnenwende ist kein Tag, sondern ein Augenblick. Sie hat eine Uhrzeit, sie fällt mal auf den 20., mal auf den 21., mal auf den 22., und wie lang der längste Tag ausfällt, hängt davon ab, wo du stehst. Zwischen Sylt und Kreta liegen fast drei Stunden Tageslicht.
Was bei einer Sonnenwende eigentlich passiert
Die Erdachse steht nicht senkrecht auf der Bahn um die Sonne, sondern ist um 23,44 Grad geneigt. Diese Neigung bleibt im Jahresverlauf gleich, die Erde wandert aber um die Sonne herum. Dadurch zeigt mal die Nordhalbkugel stärker zur Sonne, mal die Südhalbkugel.
Die Sonnenwende ist der Moment, in dem dieses Kippen seinen Höhepunkt erreicht: Die Sonne steht senkrecht über einem der beiden Wendekreise, im Juni über dem nördlichen, im Dezember über dem südlichen. Deshalb heißen die Breitenkreise so, wie sie heißen. Die Wendekreise sind genau die Linien, über denen die Sonne kehrtmacht, und sie liegen bei 23,44 Grad Nord und Süd, exakt dem Wert der Achsneigung.
Auf der Südhalbkugel ist alles spiegelverkehrt. Der 21. Juni bringt Australien oder Argentinien den kürzesten Tag, der 21. Dezember den längsten. Die Begriffe Sommer- und Wintersonnenwende beziehen sich immer auf die Nordhalbkugel, was in internationalen Texten regelmäßig für Verwirrung sorgt.
Warum der Termin jedes Jahr wandert
Ein Erdumlauf dauert nicht 365 Tage, sondern rund 365 Tage und 6 Stunden. Der Kalender rundet auf ganze Tage ab, also verschiebt sich der astronomische Moment jedes Jahr um etwa sechs Stunden nach hinten. Nach vier Jahren wäre er einen ganzen Tag verrutscht, und genau davor bewahrt uns der Schalttag: Er zieht den Termin wieder zurück. Wie diese Regel im Detail funktioniert und warum ausgerechnet 2100 kein Schaltjahr wird, steht im Artikel zum Schaltjahr und seiner Regel.
Aus diesem Vier-Jahres-Sägezahn ergibt sich das Muster, das du in der Tabelle siehst: Die Uhrzeit klettert drei Jahre lang nach oben, dann springt sie durch den Schalttag wieder zurück. Und weil die Rücksetzung nicht exakt passt, wandert das Datum über die Jahrzehnte langsam. Die Sommersonnenwende fiel im 20. Jahrhundert meist auf den 21. oder 22. Juni, seit 2008 kommt regelmäßig der 20. vor, und ab 2048 wird der 21. Juni die Ausnahme sein.
| Ereignis | Datum | Uhrzeit (MEZ/MESZ) |
|---|---|---|
| Wintersonnenwende | Montag, 21.12.2026 | 21:50 Uhr |
| Sommersonnenwende | Montag, 21.06.2027 | 16:10 Uhr |
| Wintersonnenwende | Mittwoch, 22.12.2027 | 03:42 Uhr |
| Sommersonnenwende | Dienstag, 20.06.2028 | 22:01 Uhr |
| Wintersonnenwende | Donnerstag, 21.12.2028 | 09:20 Uhr |
| Sommersonnenwende | Donnerstag, 21.06.2029 | 03:48 Uhr |
Die Zeiten gelten für Deutschland, im Sommer also in mitteleuropäischer Sommerzeit. Wer die Angaben mit einer englischsprachigen Quelle vergleicht, sollte auf die Zeitzone achten: Dort steht meist UTC, was im Winter eine Stunde und im Sommer zwei Stunden früher bedeutet. Deshalb liest man denselben Termin gelegentlich mit zwei verschiedenen Daten, wenn die Umrechnung über Mitternacht springt. Dass sich Quellen dabei um eine Minute unterscheiden, ist normal: Die Umrechnung von der astronomischen Zeitskala in unsere Uhrzeit enthält einen Korrekturwert, der sich nur schätzen lässt.
Wie lang der längste Tag bei dir ist
Die Tageslänge hängt fast nur vom Breitengrad ab. Je weiter nördlich, desto extremer fallen beide Sonnenwenden aus: langer Sommertag, kurzer Wintertag. Am Äquator ist es das ganze Jahr über ungefähr zwölf Stunden hell, jenseits des Polarkreises geht die Sonne im Sommer gar nicht mehr unter.
Etwa auf der Höhe von Berlin
Der Schieber rechnet mit der reinen Geometrie: Sonnenhöhe, Deklination und Stundenwinkel. Vor Ort kommen ein paar Minuten Abweichung dazu, weil Berge den Horizont anheben und die Luft das Licht bricht. Für die konkreten Zeiten deines Wohnorts lohnt deshalb ein Blick in ein Ortsverzeichnis: Bei OpenGeoDB stehen auf jeder Ortsseite Sonnenaufgang, Sonnenuntergang, Dämmerung und die goldene Stunde für den jeweiligen Ort, ausgerechnet aus dessen echten Koordinaten.
Von Sylt bis Kreta: fast drei Stunden Unterschied
Wie groß der Effekt wirklich ist, sieht man erst im direkten Vergleich. Am längsten Tag des Jahres bleibt es auf Sylt über siebzehn Stunden hell, auf Kreta keine fünfzehn. Im Dezember dreht sich das Verhältnis um: Dann hat der Süden die längeren Tage, und der Norden sitzt im Dunkeln.
| Ort | Breite | 21. Juni | 21. Dezember | Unterschied |
|---|---|---|---|---|
| List auf Sylt | 55,0° N | 17:23 h | 7:10 h | 10:13 h |
| Hamburg | 53,6° N | 17:03 h | 7:28 h | 9:35 h |
| Berlin | 52,5° N | 16:50 h | 7:39 h | 9:11 h |
| München | 48,1° N | 16:04 h | 8:21 h | 7:43 h |
| Nizza | 43,7° N | 15:27 h | 8:55 h | 6:32 h |
| Rom | 41,9° N | 15:14 h | 9:08 h | 6:06 h |
| Athen | 38,0° N | 14:48 h | 9:32 h | 5:17 h |
| Valletta | 35,9° N | 14:36 h | 9:43 h | 4:53 h |
| Heraklion | 35,3° N | 14:33 h | 9:46 h | 4:46 h |
Das erklärt nebenbei ein Reisegefühl, das viele kennen: Im Süden wird es im Sommer abends schneller dunkel, dafür im Winter deutlich später. Wer im Dezember ans Mittelmeer fährt, gewinnt gegenüber Norddeutschland gut zweieinhalb Stunden Tageslicht. Die Küstenorte rund ums Mittelmeer mit ihren Koordinaten und Klimadaten sind im Städteverzeichnis des Mittelmeerbasars gesammelt, von Málaga bis Heraklion.
Der früheste Sonnenuntergang ist nicht am kürzesten Tag
Jetzt der Teil, an dem die meisten Erklärungen falsch abbiegen. Es liegt nahe anzunehmen, dass am kürzesten Tag auch die Sonne am frühesten untergeht. Das stimmt nicht. In Berlin ist der früheste Sonnenuntergang bereits um den 8. Dezember herum, gegen 15:52 Uhr. Am 21. Dezember, dem eigentlich kürzesten Tag, geht die Sonne schon wieder zwei Minuten später unter. Der späteste Sonnenaufgang kommt umgekehrt erst nach der Sonnenwende, in Berlin um den 28. Dezember.
Schuld ist die Zeitgleichung. Unsere Uhren laufen gleichmäßig, die Sonne nicht: Die Erdbahn ist leicht elliptisch, und die Erdachse ist geneigt. Beides zusammen führt dazu, dass der wahre Sonnenmittag im Dezember jeden Tag etwa eine halbe Minute später eintritt. Diese Verschiebung wirkt auf Aufgang und Untergang gleichermaßen und überlagert die eigentliche Tageslängen-Änderung, die um die Sonnenwende herum ohnehin fast null ist. Ergebnis: Der Abend wird schon wieder länger, während der Morgen noch dunkler wird.
Deshalb fühlt sich der Dezember gefühlt zweigeteilt an. Die frühen Nachmittage sind Anfang Dezember am schlimmsten, die dunklen Morgen erst kurz vor Silvester. Und deshalb bringt der 21. Dezember auch nicht die spürbare Wende, die man sich davon verspricht. In der ersten Januarwoche ist der Tag gerade einmal zehn Minuten länger als zur Sonnenwende.
Sonnenwende, Jahreszeiten und alte Feste
Astronomisch beginnt mit der Junisonnenwende der Sommer und mit der Dezembersonnenwende der Winter. Meteorologen rechnen anders: Für sie starten die Jahreszeiten am 1. des jeweiligen Monats, also am 1. Juni und am 1. Dezember, weil sich mit vollen Kalendermonaten leichter Statistik machen lässt. Beide Angaben sind richtig, sie beantworten nur verschiedene Fragen.
Die Wintersonnenwende ist zudem einer der ältesten Fixpunkte im menschlichen Kalender. Die Rückkehr des Lichts wurde in ganz Europa gefeiert, lange bevor der 25. Dezember christlich besetzt wurde. Auch die Sommersonnenwende hat ihre Spuren hinterlassen, etwa im Johannistag am 24. Juni, der bis heute in vielen Regionen mit Feuern begangen wird. Welche unserer gesetzlichen Feiertage woher kommen, ist ein eigenes Kapitel, aber die Sonnenwenden sind der Grund, warum überhaupt Ende Dezember und Ende Juni gefeiert wird.
Häufige Fragen
Ist die Sonnenwende ein ganzer Tag oder ein Zeitpunkt?
Ein Zeitpunkt, auf die Minute genau. Umgangssprachlich meint man damit den ganzen Tag, an dem dieser Moment liegt, und der ist dann eben auch der längste beziehungsweise kürzeste Tag des Jahres.
Warum fällt die Sonnenwende mal auf den 20., mal auf den 21. Juni?
Weil das Jahr rund sechs Stunden länger dauert als 365 Tage. Der Termin verschiebt sich dadurch jedes Jahr um etwa sechs Stunden nach hinten und wird alle vier Jahre vom Schalttag wieder zurückgeholt. Über die Jahrzehnte wandert er dadurch langsam nach vorn.
Ist der längste Tag auch der wärmste?
Nein. Die höchsten Temperaturen kommen in Mitteleuropa meist im Juli oder August, also vier bis acht Wochen nach der Sonnenwende. Boden und vor allem die Meere brauchen Zeit, um sich aufzuheizen. Denselben Nachlauf gibt es im Winter, deshalb sind Januar und Februar kälter als der Dezember.
Wie lang ist der längste Tag am Polarkreis?
Ab etwa 66,5 Grad Nord geht die Sonne zur Sommersonnenwende gar nicht mehr unter, es wird also 24 Stunden hell. Ein halbes Jahr später bleibt sie dort den ganzen Tag unter dem Horizont. Je weiter nördlich, desto länger dauern beide Phasen.
Wann geht die Sonne an meinem Wohnort auf?
Das hängt von den Koordinaten ab und lässt sich nicht pauschal beantworten. Ortsverzeichnisse wie OpenGeoDB rechnen Aufgang, Untergang und Dämmerung für jeden Ort einzeln aus, inklusive der goldenen Stunde für Fotografen.
Fazit
Die Sonnenwende ist ein astronomischer Augenblick mit Uhrzeit, kein Kalendertag, und ihr Termin wandert im Vier-Jahres-Rhythmus des Schaltjahrs. Wie stark sie sich bemerkbar macht, entscheidet der Breitengrad: Auf Sylt sind es über zehn Stunden Unterschied zwischen dem längsten und dem kürzesten Tag, auf Kreta keine fünf. Und wer im Dezember auf den früheren Feierabend im Hellen wartet, darf schon Anfang des Monats damit rechnen. Der Abend dreht früher als der Morgen.