Blogtools der 2000er: was davon heute noch funktioniert

Blogtools der 2000er: was davon heute noch funktioniert

Das Wichtigste in Kürze. Von den Werkzeugen, mit denen die Blogszene der 2000er gearbeitet hat, ist fast keines mehr im Betrieb. Der Alexa-Rank wurde am 1. Mai 2022 abgeschaltet, Technorati hat seinen Blog-Index im Mai 2014 stillgelegt, der Google Reader endete am 1. Juli 2013 und den öffentlichen PageRank hat Google im April 2016 abgeschaltet. Geblieben sind die unspektakulären Dinge: RSS, Kommentare, Verlinkung untereinander und die eigene Domain. Wer damals auf eine Plattform gesetzt hat, steht heute ohne da. Wer auf eine eigene Adresse gesetzt hat, ist noch online.

Zwischen 2007 und 2016 habe ich unter webmasterwatchblog.de über Blogs, WordPress und die Werkzeuge geschrieben, mit denen man damals gearbeitet hat. Diese Domain zeigt inzwischen hierher, und wenn du über einen alten Link hier gelandet bist, dann hast du wahrscheinlich einen Beitrag gesucht, den es so nicht mehr gibt.

Statt den Text einfach zu archivieren, habe ich etwas anderes gemacht: Ich bin die Dienste durchgegangen, über die ich damals geschrieben habe, und habe nachgesehen, was aus ihnen geworden ist. Das Ergebnis ist ernüchternder, als ich erwartet hatte, und an einer Stelle deutlich erfreulicher.

Der Alexa-Rank ist seit 2022 Geschichte

Der Alexa-Rank war fünfzehn Jahre lang die Zahl, die in jeder zweiten Diskussion auftauchte. Amazon hatte den Dienst 1999 gekauft, gemessen wurde über eine Browser-Erweiterung, und genau darin lag das Problem: Erfasst wurde nicht der Verkehr einer Seite, sondern der Verkehr der Leute, die diese Erweiterung installiert hatten. Das war eine Stichprobe mit starker Schlagseite in Richtung technikaffines Publikum, und trotzdem hat die halbe Branche damit argumentiert.

Am 1. Mai 2022 wurde alexa.com abgeschaltet, neue Abonnements gab es schon ab Dezember 2021 nicht mehr. Was heute an dieser Stelle steht, ist besser und schlechter zugleich. Besser, weil Sichtbarkeitsindizes und Backlink-Datenbanken auf echten Ranking- und Linkdaten beruhen statt auf einer Browserleiste. Schlechter, weil sie Geld kosten, während der Alexa-Rank für jeden sichtbar war. Die Ersatzfrage lautet deshalb nicht, welche Zahl den Alexa-Rank ablöst, sondern welche Zahl du überhaupt brauchst. In den allermeisten Fällen ist das die eigene Statistik und nicht die Schätzung eines Dritten über deine Seite.

Die Blogsuche ist verschwunden und niemand hat sie ersetzt

Technorati war ab 2002 die Suchmaschine für Blogs, mit einem eigenen Autoritätswert, an dem sich alle gemessen haben. Im Mai 2014 wurde der Blog-Index stillgelegt, zwei Jahre später ging die Marke für rund drei Millionen Dollar an Synacor und wurde zu einem Werbeanbieter. Der Dienst, um den sich eine ganze Szene gruppiert hatte, verschwand fast unbemerkt.

Twingly aus Schweden trat 2008 an, um es besser zu machen, mit Fokus auf Europa und einem ernsthaften Anspruch an Spamfreiheit. Die Firma gibt es bis heute, allerdings nicht mehr als Suchmaschine für Leser. Twingly verkauft Blog- und Social-Daten an Unternehmen, die öffentliche Suche für Endnutzer ist kein Geschäft mehr. Googles eigene Blogsuche ist längst in der normalen Suche aufgegangen.

Damit ist eine Lücke entstanden, die bis heute offen ist. Es gibt keinen Ort mehr, an dem du nachsehen kannst, wer diese Woche über ein Thema gebloggt hat. In der deutschsprachigen Szene hält Rivva die Stellung als automatischer Nachrichtenaggregator, und dort wurde noch 2025 offen darüber diskutiert, dass eine funktionierende Blogsuche schlicht fehlt und selbst gebaut werden müsste. Es ist eine der wenigen Stellen, an denen das Netz von 2008 dem von heute etwas voraushatte.

RSS hat überlebt, sein bekanntester Leser nicht

Der Google Reader wurde am 1. Juli 2013 abgeschaltet, und für viele war das der Moment, in dem sich das Lesen im Netz endgültig verschob: weg von selbst zusammengestellten Feeds, hin zu dem, was ein Algorithmus in die Zeitleiste spült. Der Aufschrei war groß, die Wanderung zu Feedly und Inoreader ebenso, und danach wurde es still um das Thema.

Bemerkenswert ist, dass RSS selbst nicht gestorben ist. Jedes WordPress liefert bis heute einen Feed aus, ohne dass jemand etwas dafür tun muss. Podcasts laufen komplett über RSS, Newsletter-Dienste ziehen ihre Inhalte daraus, und wer heute eine Handvoll Quellen ohne Empfehlungsalgorithmus verfolgen will, kommt schneller ans Ziel als mit jeder App. Der Feed ist eine der wenigen Techniken aus dieser Zeit, die man ohne Einschränkung weiterempfehlen kann. Wenn du einen Blog betreibst, lass ihn eingeschaltet.

Der sichtbare PageRank und was ihn ersetzt hat

Die grüne Leiste in der Google-Toolbar war der Grund für einen erheblichen Teil des Linkhandels der Nullerjahre. Ein Wert von 0 bis 10, öffentlich sichtbar, alle paar Monate aktualisiert, und daraus entstand ein ganzer Markt. Im April 2016 hat Google die Anzeige endgültig für die Öffentlichkeit abgeschaltet. Intern rechnet Google weiter mit Linkdaten, sichtbar ist davon nichts mehr.

Was an die Stelle getreten ist, sind die Autoritätswerte der SEO-Anbieter. Sie haben mit Google nichts zu tun, sind aber inzwischen genauso zur Handelswährung geworden wie der PageRank damals. Die Lehre daraus ist dieselbe geblieben: Eine Kennzahl, die ein Dritter berechnet und jederzeit abschalten kann, ist eine Hilfsgröße und kein Ziel. Wer sein Projekt auf eine solche Zahl ausrichtet, baut auf einem Fundament, das ihm nicht gehört.

Aus dem Blogger-Marketing wurde Ad-Tech

Trigami war um 2008 der bekannteste Vermittler für bezahlte Blogbeiträge im deutschsprachigen Raum, und in den Kommentarspalten wurde heftig darüber gestritten, ob das noch Bloggen ist. Wer heute trigami.com aufruft, landet nach einer Weiterleitung bei teads.tv, einem internationalen Anbieter für Videowerbung. Der Weg dahin führte über die Übernahme durch ebuzzing und die spätere Verschmelzung zu Teads. Aus dem Vermittler für Blogbeiträge ist ein Konzern für Werbeauslieferung geworden, mit Bloggern hat das nichts mehr zu tun.

Die kleineren deutschen Anbieter aus dieser Zeit haben es nicht so weit gebracht. Die Domains von Contaxe, YIGG und den Deutschen Blogcharts antworten heute überhaupt nicht mehr, und blogparade.de steht zum Verkauf. Was von der damaligen Monetarisierung geblieben ist, sind Affiliate-Programme, Displaywerbung und der direkte Verkauf, und alle drei funktionieren im Kern noch genauso wie damals. Für Blogger ist übrigens auch die VG Wort geblieben, die es damals schon gab und die bis heute Geld für Texte ausschüttet, die oft genug ohnehin geschrieben werden.

Die Blogsoftware von damals

Einer meiner meistgelesenen Beiträge damals war ein Vergleich von WordPress, Serendipity, b2evolution und Movable Type. Diese Auswahl war 2008 ernst gemeint, der Ausgang war offen, und heute ist die Sache eindeutig entschieden.

WordPress hat gewonnen, und zwar deutlicher, als es damals absehbar war. Interessanter ist, was aus den anderen wurde. Serendipity, im deutschsprachigen Raum als s9y bekannt, wird bis heute gepflegt, die letzte Version stammt vom Juli 2026. Das ist eine bemerkenswert lange Lebensdauer für ein Projekt, das nie mehr als eine Nische besetzt hat. b2evolution steht dagegen still, die letzte Veröffentlichung liegt im Jahr 2022. Movable Type, in den Anfangsjahren der ernsthafteste Gegenspieler, wird kommerziell weiterentwickelt und hat seinen Schwerpunkt in Japan.

Wenn du heute ein altes Blog übernimmst oder wiederbelebst, ist die Frage nicht mehr, welche Software die beste ist, sondern ob die vorhandene noch Sicherheitsaktualisierungen bekommt. Alles andere ist Geschmackssache, das hier nicht.

Die Stichprobe: wer von damals noch schreibt

Für diesen Beitrag habe ich etwas gemacht, das ohne die alten Verlinkungen nicht möglich wäre. Ich habe mir angesehen, welche Seiten damals auf mein Blog verlinkt haben, und jede einzelne davon aufgerufen. Ohne Verzeichnisse und automatische Linklisten bleiben 27 Seiten übrig, überwiegend deutschsprachige Blogs aus den Jahren 2008 bis 2017.

Erreichbar sind davon heute noch 21. Das allein sagt wenig, eine Seite kann seit zehn Jahren unverändert herumliegen. Deshalb habe ich zusätzlich die Feeds abgefragt und nachgesehen, wann zuletzt etwas veröffentlicht wurde. Von 17 Blogs mit Feed haben acht im laufenden Jahr 2026 noch etwas veröffentlicht, bei zweien lag der letzte Beitrag zum Zeitpunkt meiner Abfrage einen Tag zurück. Das sind keine Karteileichen, das sind Leute, die nach fast zwanzig Jahren immer noch schreiben.

Das ist der eigentliche Befund dieses Rückblicks. Nicht ein einziger der großen Dienste hat überlebt: nicht die Suchmaschine, nicht das Ranking, nicht der Leser, nicht der Vermarkter. Überlebt haben die Blogs selbst, weil sie unter einer eigenen Adresse mit eigener Software liefen und niemanden um Erlaubnis fragen mussten.

Was du daraus mitnehmen kannst

Für die praktische Arbeit an einer eigenen Seite folgt daraus wenig Überraschendes, aber es ist inzwischen belegt statt nur behauptet.

Deine Inhalte gehören auf eine Domain, die dir gehört. Alles, was auf einer fremden Plattform liegt, endet mit dieser Plattform, und zwar zu einem Zeitpunkt, den jemand anders bestimmt. Externe Kennzahlen sind Hilfsmittel und kein Ziel, weil sie abgeschaltet werden können und irgendwann auch werden. Und wenn ein Projekt endet, ist die Domain der Teil, der weiterläuft: Eine dauerhafte Weiterleitung hält die alten Verweise am Leben, solange du sie pflegst. Wie das technisch sauber geht und was dabei regelmäßig schiefläuft, steht in meinen Beiträgen zu freigewordenen Domains und ihren Weiterleitungen und zur 301-Weiterleitung und ihrer Wirkung auf die Sichtbarkeit.

Ich habe für diesen Beitrag die Weiterleitung meiner alten Domain überprüft und dabei gefunden, dass sie seit Jahren mit dem falschen Statuscode auf eine Seite zeigte, die es nicht mehr gibt. Das ist der Normalfall bei alten Weiterleitungen und ein guter Anlass, die eigenen einmal durchzugehen.

Kurzer Faktencheck zum Mitnehmen. Alexa-Rank: abgeschaltet am 1. Mai 2022. Technorati-Blogindex: stillgelegt im Mai 2014. Google Reader: eingestellt am 1. Juli 2013. Öffentlicher PageRank: abgeschaltet im April 2016. Twingly: existiert als Datenanbieter, nicht mehr als Blogsuche. Trigami: leitet heute auf teads.tv weiter. Serendipity: wird gepflegt, letzte Version Juli 2026. RSS: lebt und läuft in jedem WordPress mit.

Häufige Fragen

Gibt es heute noch eine Blogsuchmaschine?

Keine, die mit Technorati oder Twingly vergleichbar wäre. Für den deutschsprachigen Raum kommt Rivva als automatischer Aggregator am nächsten, deckt aber nur einen Ausschnitt ab. Wer gezielt Blogs sucht, kombiniert heute die normale Suche mit Feeds einzelner Seiten. Der Verlust ist real und wird in der Szene regelmäßig beklagt.

Was ist der Nachfolger des Alexa-Rankings?

Es gibt keinen direkten Nachfolger. Die Sichtbarkeitsindizes und Autoritätswerte der SEO-Anbieter erfüllen einen ähnlichen Zweck, beruhen aber auf anderen Daten und kosten Geld. Für die eigene Seite ist die eigene Statistik ohnehin aussagekräftiger als jede Schätzung von außen.

Lohnt sich RSS im eigenen Blog noch?

Ja, und es kostet dich nichts. WordPress erzeugt den Feed automatisch, er wird von Feedreadern, Newsletter-Diensten und Aggregatoren genutzt und funktioniert ohne Konto und ohne Algorithmus dazwischen. Abschalten solltest du ihn nur, wenn du einen konkreten Grund hast.

Was passiert mit den Links, wenn ich ein altes Blog aufgebe?

Sie zeigen ins Leere, sobald die Domain ausläuft. Solange du die Domain behältst und dauerhaft weiterleitest, bleiben die Verweise nutzbar und führen deine Besucher an ein Ziel, das noch existiert. Wichtig ist ein dauerhafter Redirect auf eine Seite, die inhaltlich zum alten Thema passt, und nicht auf eine beliebige Startseite oder gar auf eine Fehlerseite.

Woher stammen die Zahlen zu den alten Blogs in diesem Beitrag?

Aus einer eigenen Stichprobe im August 2026. Grundlage sind die Seiten, die früher auf webmasterwatchblog.de verlinkt haben, bereinigt um Verzeichnisse und automatische Linklisten. Jede Adresse wurde aufgerufen und, soweit ein Feed vorhanden war, das Datum des jüngsten Beitrags ausgelesen.

Fazit

Wer sich fragt, warum von der Blogszene der 2000er so wenig übrig ist, findet die Antwort nicht bei den Blogs, sondern bei ihrer Infrastruktur. Die Werkzeuge, die alle benutzt haben, gehörten Firmen mit anderen Plänen. Sie wurden verkauft, umgebaut oder abgeschaltet, und jedes Mal ging ein Stück der Vernetzung verloren, die diese Szene ausgemacht hat. Die Blogs selbst haben sich als deutlich robuster erwiesen als alles, was um sie herum gebaut wurde. Das ist die einzige Lehre aus zwanzig Jahren, die ich uneingeschränkt weitergeben würde: Bau auf dem auf, was dir gehört.

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Quellen